"Mein Weg in den Anwaltsberuf war alles andere als vorbestimmt, aber genau richtig"

Interview mit Fachanwalt Jens-Christian Posselt: Wie Legal AI die Praxis im Wirtschaftsrecht verändert

"Mein Weg in den Anwaltsberuf war alles andere als vorbestimmt, aber genau richtig"
Dr. Jens-Christian Posselt ist Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht sowie internationales Wirtschaftsrecht in Hamburg.

Interviewer: Herr Posselt, Sie sind Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht sowie internationales Wirtschaftsrecht in Hamburg. Warum haben Sie sich für das Jura Studium entschieden? 

„Mein Weg in den Anwaltsberuf war alles andere als vorbestimmt, aber genau richtig. Mich faszinierte früh das öffentliche Recht und das Spannungsverhältnis zwischen Staat und Bürger. Nach drei Jahren im öffentlichen Dienst auf dem Weg zur Verbeamtung merkte ich jedoch, dass das starre Umfeld nicht zu mir passte. So wechselte ich in eine Kanzlei nach Dresden und kehrte später aus privaten Gründen nach Hamburg zurück. Ein kurzer Gedanke an ein Medizinstudium erledigte sich übrigens schlagartig nach dem Besuch einer Autopsie – meine Zukunft lag eindeutig im Paragrafendschungel. Rückblickend ist der Anwaltsberuf für mich eine extrem abwechslungsreiche und erfüllende Aufgabe.”

Interviewer: Was sind die erforderlichen Eigenschaften, um erfolgreich im Wirtschaftsrecht zu sein? 

Als Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht sind Geduld, Toleranz und Empathie für mich unverzichtbar. Ich bevorzuge einen lösungsorientierten, diplomatischen Ansatz mit Mediationstechniken statt Konfrontation. Neben Fachwissen braucht man wirtschaftliches Verständnis für präzise Kosten-Nutzen-Analysen. Ein Haftungsrisiko von 10.000 Euro bei einem 14-Millionen-Euro-Deal muss pragmatisch gelöst werden. Ein tragfähiger Vergleich fordert meist mehr Überzeugungskraft als ein stures Gerichtsverfahren.

Interviewer: Welchen Stellenwert hat Technologie in Ihrem Kanzleialltag und wie bewerten Sie den aktuellen KI-Boom?

Jens-Christian Posselt: Die Einführung von Künstlicher Intelligenz im Rechtswesen ist für mich ein fundamentaler Game-Changer. Ich bewerte diese Transformation sogar noch folgenschwerer als die Einführung des Internets in den späten 1990er Jahren. KI-Tools wie Perplexity, Claude und spezielle juristische Anwendungen wie Doctrine sind inzwischen fest in meinen täglichen Arbeitsablauf integriert und eine unverzichtbare Unterstützung. Trotz gebotener Vorsicht bei Datenschutz und Halluzinationen stellt die Technologie eine enorme Bereicherung dar.

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Interviewer: Wie setzen Sie verschiedene KI-Anwendungen in Ihrer täglichen Praxis konkret ein, insbesondere bei der Vertragsgestaltung?

Jens-Christian Posselt: Rund 90 Prozent meiner aktuellen Tätigkeit entfallen auf die Vertragsprüfung und das Entwerfen von Verträgen. Hier kombiniere ich verschiedene Systeme gezielt: Claude nutze ich etwa für die lokale Verarbeitung digitalisierter Fachliteratur, während Doctrine seine Stärken bei tiefgehenden Rechtsprechungsanalysen ausspielt. Obwohl KI bei Entwürfen bereits eine beachtliche Qualität liefert, darf man den Kontrollaufwand nicht unterschätzen. Die Überprüfung ist vergleichbar mit der Korrektur der Arbeit eines hochqualifizierten Mitarbeiters – jedes Detail und die Gesamtstruktur müssen manuell geprüft werden.

Interviewer: Wo sehen Sie Gefahren oder Herausforderungen bei der verstärkten Nutzung von KI in der Rechtsberatung?

Jens-Christian Posselt: Die gravierendste Gefahr sehe ich in der Ausbildung des juristischen Nachwuchses. Als erfahrener Anwalt kann ich KI-Ergebnisse dank jahrelanger Praxis und Routine effizient einordnen und Fehler sofort erkennen. Doch wie sollen junge Berufsanfänger dieses fundamentale Erfahrungswissen aufbauen, wenn Standardaufgaben zunehmend von Algorithmen übernommen werden? Hier müssen wir in der Ausbildung völlig neue Wege finden.

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Interviewer: Welche Eigenschaften und Fähigkeiten lassen sich Ihrer Meinung nach nicht durch Algorithmen ersetzen?

Jens-Christian Posselt: Der menschliche Faktor bleibt unverzichtbar. Im Wirtschaftsrecht braucht man Geduld, Toleranz und ausgeprägte Empathie – besonders im internationalen und interkulturellen Kontext. Konflikte löst man nicht mit der Brechstange, sondern durch lösungsorientierte Diplomatie und wirtschaftliches Verständnis. Das Aushandeln eines tragfähigen Vergleichs erfordert oft deutlich mehr persönliche Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick als das reine Führen eines Gerichtsverfahrens. Solche kommunikativen Soft Skills kann keine KI ersetzen.

Interviewer: Wie wird sich der Anwaltsberuf in den kommenden fünf Jahren verändern?

Jens-Christian Posselt: KI-Anwendungen werden flächendeckend und möglicherweise sogar verpflichtend in den Kanzleialltag einziehen. Stark schematisierbare Rechtsbereiche mit gebundenen Entscheidungen lassen sich künftig weitgehend automatisieren. Bei komplexen Ermessensentscheidungen, taktischen Verhandlungen und individueller Strategieberatung bleibt der Mensch jedoch zentral. Durch die fortschreitende Automatisierung werden persönliche Soft Skills, Empathie und strategisches Denken künftig noch stark an Wert gewinnen.