Vom Rechts-Berater zum Rechts-Begleiter: Dr. Philipp S. Weinmann im Porträt

Bild von Deniz Saylan

Dr. Philipp S. Weinmann ist Rechtsanwalt in Stuttgart und begleitet Familienunternehmer und Private Clients im Bereich Unternehmens-, Erb- und Stiftungsrecht. 

 

Herr Dr. Weinmann, warum haben Sie sich für das Jurastudium entschieden?

“Ich habe mich nicht für das Jurastudium entschieden, um Anwalt zu werden, sondern aus echtem Interesse an der Materie und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – auch wenn ich schon früh gemerkt habe, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer dasselbe sind. Mich hat die Vorstellung fasziniert, dass wir uns nie in einem rechtsfreien Raum bewegen und jede Handlung rechtliche Folgen hat. Bei der klassischen Wahl zwischen BWL und Jura hat mich die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit auf ein kombiniertes Studium aus Jura und Wirtschaftswissenschaften aufmerksam gemacht, das für mich der ideale Mittelweg war. In meiner Familie gibt es keine Juristen – mein Vater ist Architekt und eher künstlerisch geprägt, meine Mutter arbeitet im Bankwesen; meine Eltern haben mich mit Blick auf den langen Weg der Ausbildung und der deswegen erwarteten psychischen Belastung mehrfach gefragt, ob ich diesen Weg wirklich gehen will. Tatsächlich war dieser Druck dann auch sehr spürbar. Die psychischen Auswirkungen des Jurastudiums sind mir deshalb bis heute ein wichtiges Anliegen, insbesondere weil ich im Freundes- und Bekanntenkreis negative körperliche wie psychische Folgen des Studiums miterlebt habe. Dennoch war dieses Studium auch rückblickend das ideale für mich – ich hätte nie etwas anderes machen wollen und habe meine Berufung gefunden, würde meinen eigenen Kindern aber wegen des hohen Drucks nicht unbedingt zum Jurastudium raten.”

Der Bereich Familienunternehmen klingt sehr anspruchsvoll – was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eigenschaften, um ein erfolgreicher Anwalt für Familienunternehmer zu sein?

Neben den allgemeinen anwaltlichen Fähigkeiten wie Sorgfalt und exzellente Rechtskenntnisse sind für mich vor allem Hingabe und Empathie entscheidend – in unserem Metier spielen Ausdauer und psychologische Fähigkeiten eine große Rolle, weil wir Mandanten teils über Jahre, gerade Unternehmerfamilien auch manchmal über mehrere Generationen hinweg beraten. Durch die intensive und lange Zusammenarbeit mit unseren Mandanten entsteht über die Jahre oft eine echte Vertrauensbeziehung und wir werden zu Wegbegleitern der Familie. Wir übernehmen eine wichtige Filterfunktion auch innerhalb der Familie, indem wir – insbesondere in streitigen Mandaten – Emotionalität herausfiltern und so eine rechtlich wie wirtschaftlich geeignete Lösung erst ermöglichen. Wir müssen uns stets vergegenwärtigen: Die persönliche Bindung von Familie und Unternehmen ist der Erfolgsfaktor von Familienunternehmen; gleichzeitig birgt sie aber auch das größte Konfliktpotenzial innerhalb der Familie und damit die größte Gefahr für das Familienunternehmen. Gerade deshalb spielen meiner Meinung nach in unserem Beratungsbereich Softskills eine größere Rolle als in anderen Bereichen.”

KI in der Kanzlei: 7 Gründe, 2026 endlich durchzustarten
Bereits 92 Prozent aller Kanzleien und Rechtsabteilungen nutzen mindestens ein KI-Tool in ihrem Arbeitsalltag. Wer noch zögert, tut das selten aus Desinteresse – sondern aus Zeitmangel, aus Sorge vor Halluzinationen oder aus Unsicherheit darüber, was das Berufsrecht tatsächlich erlaubt. Diese Vorbehalte sind legitim. Sie verdienen präzise Antworten statt diffuser Versprechungen.

Gibt es einen Fall, der Sie am meisten geprägt hat, oder an den Sie sich am meisten erinnern?  

“Ein Fall, der mich besonders geprägt hat und nach wie vor prägt, betrifft eine Unternehmerfamilie, die ihr Familienunternehmen in der dritten Generation hält. In dieser dritten Generation wird das Unternehmen von dem Bruder unseres Mandanten geleitet. (Unser Mandant ist bloßer Minderheitsgesellschafter.) Der Bruder hat enorme Summen (mehrere Millionen Euro) aus dem Unternehmen förmlich gezogen, um sich seinen aufwändigen Lebensstil, insbesondere in Form von Luxusautos, zu finanzieren. Unser Mandant wird nun gemeinsam mit uns diesen Machenschaften ein Ende setzen und das Unternehmen so vor weiteren Schäden bewahren. Im negativen Sinne beeindruckt mich dabei immer wieder aufs Neue, mit welcher Respektlosigkeit und welchem Egoismus hier Werte und Vermögenswerte zerstört wurden, die über Generationen hinweg aufgebaut wurden.

Wie in anderen streitigen Mandaten steht auch in diesem für mich mit an oberster Stelle, nicht nur eine rechtlich und wirtschaftlich gute Lösung zu finden, sondern darauf hinzuarbeiten, dass sich die Parteien am Ende wieder in die Augen sehen und die Hand geben können. Entscheidend ist für mich also, eine Balance zwischen familiärem Frieden und wirtschaftlichem Erfolg zu finden.“

Apropos Zukunft: Wie bewerten Sie den technologischen Wandel für die künftige anwaltliche Arbeit?

„In meinem Alltag hat sich persönlich gar nicht so viel verändert. Ich habe die ersten KI-Entwicklungen schon während meiner Ausbildung in internationalen Großkanzleien miterleben dürfen. Damals sprach man allerdings noch von `Vertragsprüfungssoftware´. Der eigentliche Umbruch kam letztlich im letzten Jahr mit generativen LLMs und dann speziell juristischer KI. Natürlich schwebte da die anfängliche Angst mit, ersetzt zu werden. Aber ich habe schnell begriffen, dass die KI mehr Chance als Risiko für unseren Beruf ist. Heute ist für mich deswegen klar, dass die Frage nicht ist, ob man KI als Anwalt nutzt, sondern welche und wie. Ich selbst habe zwei Herangehensweisen entwickelt. Bei Routineaufgaben nutze ich KI für einen ersten Entwurf, den ich dann prüfe und ergänze, während ich mich bei neuen Themen erst selbst einarbeite, bevor ich die KI hinzuziehe. Letztlich muss ich aber jedes Komma, das die KI gesetzt hat, verstanden haben. Nur dann komme ich meiner Sorgfaltspflicht nach und erbringe die Dienstleistung, die die Mandanten benötigen und die auch nicht ersetzbar ist.

Da KI uns vor allem einfach gelagerte und wiederkehrende Aufgaben gut abnehmen kann, wird im Anwaltsberuf die eigene Spezialisierung immer entscheidender. Auch werden noch mehr Softskills gefragt sein, sodass sich der Rechts-‚Berater‘ immer zum Rechts-‚Begleiter‘ entwickeln wird.”

Wie sieht der Anwaltsberuf in 5 oder 10 Jahren aus? 

„Als Anwalt werden wir KI selbstverständlich nutzen. Das machen wir bereits jetzt und verstecken das auch nicht gegenüber der Mandantschaft und werden es auch in Zukunft nicht tun. Wir müssen aber deshalb gegenüber der Mandantschaft noch genauer erklären, weshalb wir trotz der immer besser werdenden KI-Modelle weiterhin erforderlich sind und was wir an einem Mandat gearbeitet haben, genauer gesagt: welchen Mehrwert wir erbracht haben.

Trotz der großen Chance der KI für unseren Beruf habe ich den Eindruck, dass die Anwaltschaft vielerorts KI bislang kaum richtig in die Arbeit integriert hat; die große Herausforderung der nächsten fünf Jahre wird sein, KI zu akzeptieren und zu lernen, sie richtig einzusetzen. Bisher halluzinieren noch viele Modelle (erfinden beispielsweise Gerichtsentscheidungen oder wenden eine veraltete Gesetzeslage an). Entscheidend ist deshalb meiner Meinung nach, dass richtig gepromptet und das Ergebnis überprüft wird. Letztlich zeigt sich auch hier wieder, dass es immer weniger um die Beantwortung einfacher rechtlicher Fragestellungen gehen wird, sondern um die Analyse hochkomplexer Sachverhalte mit äußerst schwierigen rechtlichen Thematiken. Für mich bedeutet die Zukunft deshalb – wie bereits erwähnt – vor allem: Spezialisierung, Softskills und mehr Begleitung statt reiner Beratung. Ich bin gespannt, ob KI je das Zwischenmenschliche eines Anwalts aus Fleisch und Blut leisten kann – also Rückfragen stellen, Mimik oder Emotionen erkennen –, was mit den heutigen Sprachmodellen jedenfalls so noch nicht funktioniert. Ich habe da so meine Zweifel. Vielleicht wird das in ein paar Jahren bei repetitiven, einfachen Fällen anders aussehen. Das Gefühl, dass wirklich jemand physisch mit einem am Tisch sitzt und zuhört, wird eine KI meiner Meinung nach aber nicht ersetzen können.“

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